Viele – meist junge, gesunde Menschen – sind der Meinung, dass sie den Baustein für Wahlleistungen (umgangssprachlich: 2-Bett-Zimmer und Chefarzt-Behandlung) nicht brauchen. Sie sind der Meinung, dass sie ohne diesen Baustein genauso versichert sind, wie in der gesetzlichen Krankenversicherung. Ein Irrtum, den viele teuer bezahlen müssen. In diesem Artikel verraten wir euch, wie es in der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung i.d.R. abläuft und warum es so gefährlich ist, auf die Wahlleistungen zu verzichten.

Gesetzliche Krankenversicherung – Welche Leistungen stehen mir zu?

In der privaten Krankenversicherung kann man sich selbst aussuchen, ob man die Wahlleistungen absichern möchte, oder eben nicht. Kassenpatienten hingegen haben diese Möglichkeit bei ihrer gesetzlichen Krankenversicherung so nicht. Versicherte in der in der gesetzlichen Krankenversicherung haben grundsätzlich nur einen Anspruch auf die allgemeinen kassenärztlichen Leistungen. Diese sind vom Gesetzgeber klar geregelt. In der Regel bedeutet das, ich muss in eine der beiden nächstgelegenen (geeigneten) Kliniken gehen und ich werde im Mehr-Bett-Zimmer untergebracht. Bei den meisten Erkrankungen und Diagnosen reicht dies i.d.R. aus. Ich denke, wir sind uns einig, dass niemand bei einer Standard-Operation einen Spezialisten braucht, oder?

Was aber, wenn es nicht um eine Standard-Diagnose geht, sondern eine ernste Erkrankung? Etwas, wo es im schlimmsten Fall vielleicht um Leben und Tod geht? Dazu ein Praxis-Beispiel aus meiner täglichen Arbeit.

Praxis-Beispiel: Kind mit einem angeborenen Herzfehler

Eine Interessentin rief mich an und fragte mich, ob ich ihr helfen könne. Sie hatte vor einem halben Jahr ein Kind bekommen. Ein Mädchen. Am Anfang war sie kerngesund. Nach einem halben Jahr dann der Schock. Ärzte entdecken einen angeborenen Herzfehler. Im nächstgelegenen Krankenhaus traute sich jedoch niemand die komplizierte Operation durchzuführen. Also haben sie ihr Kind eingepackt und sind ins zweite Krankenhaus gefahren. Die Kinderklinik in der Nachbarstadt. Gleiches Ergebnis. Ärzte, die sich unsicher sind und kein Chirurg, der sich die Operation zutraute. Das Krankenhaus riet ihnen, die Tochter von einem Spezialisten operieren zu lassen. Einen geeigneten Chirurgen hatte man ihnen genannt. Dieser war jedoch an einer Privatklinik tätig.

  • Die gute Nachricht: Der Herzfehler konnte korrigiert werden. Töchterlein ist nun wieder kerngesund.
  • Die schlechte Nachricht: Ihre private Krankenversicherung will nun die Rechnung nicht erstatten (bezahlen), weil sie für ihre Tochter keine wahlärztlichen Leistungen eingeschlossen hat.

Sie denken jetzt, vielleicht: Die böse private Krankenversicherung, oder? Aber dazu sage ich weiter unten im Artikel gleich noch etwas…

Gesetzliche Krankenversicherung – Was, wenn ich doch mal Wahlleistungen in Anspruch nehmen muss?

Häufig zahlen gesetzliche Krankenversicherung deutlich mehr, als vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist. Natürlich hat man nicht pauschal einen Anspruch auf diese Mehrleistungen, aber immer wieder höre ich von Ausnahmefällen, wo die gesetzliche Krankenversicherung solche Operationen übernommen hat. Allerdings sollte man sich nicht blind darauf verlassen. Nicht umsonst bieten private Krankenversicherungen Zusatztarife für Wahlleistungen an. Was bei uns Erwachsenen oft nicht günstig ist, gibt es für Kinder oft schon für einen Monatsbeitrag zwischen 6,- und 10,- Euro.

Privat Versicherte müssen sich entscheiden: Wahlleistungen “ja” oder “nein”?

Privat Versicherte haben bei Vertragsabschluss die Wahl. Sie stellen sie sich im Rahmen der Möglichkeiten der privaten Krankenversicherung für die sie entscheiden die Leistungen individuell zusammen.

Die meisten Menschen sind vernünftig und schließen die wahlärztlichen Leistungen im Krankenhaus mit ein. Wenn das der Fall ist, gibt es in der Regel meist keine Probleme.

Wichtig ist jedoch trotzdem die Frage, bis zu welchem Satz der Gebührenordnung (GOÄ) deren private Krankenversicherung die Kosten übernimmt!

  • Spezialisten ihres Faches rechnen oft auch über den Höchstsatz (3,5-fache-Satz) der Gebührenordnung hinaus ab. Sofern der Privat-Versicherte dies beachtet und in seinem Vertrag miteingeschlossen hat, braucht er sich im Grunde keine Sorgen zu machen. Er kann davon ausgehen, dass seine private Krankenversicherung diese Kosten übernimmt.

Es gibt aber auch besonders sparsame Menschen. Häufig sind sie unwissend und können die Tragweite ihrer Entscheidungen bei Vertragsabschluss noch nicht überschauen, weil sie dort oft nun jung und vor allem gesund sind. Für diese sparsamen Menschen ist ein niedriger Beitrag häufig wichtiger als gute Leistungen. Stark vereinfacht sind es hauptsächlich zwei gravierende Denkfehler, durch den sie einen fatalen Fehler machen.

  • 1. Denkfehler: Viele glauben, dass sie im Falle eines Falles einfach den passenden Baustein dazu buchen können
    • Achtung: Wer Bausteine hinzuwählen möchte, muss die Gesundheitsfragen erneut beantworten und es findet eine erneute Gesundheitsprüfung statt!
    • Kein Versicherer versichert ein brennendes Haus!
  • 2. Denkfehler: Viele sind der Meinung, dass sie ohne den Baustein der wahlärztlichen Leistungen genauso versichert wären, als wären sie in der gesetzlichen Krankenversicherung.
    • Grundsätzlich ist der Gedanken ja richtig, jedoch vergessen sie – oder wissen es eben einfach nicht besser -, dass die gesetzliche Krankenversicherung in Ausnahmefällen mehr bezahlen könnte. Manchmal sogar einen Privatarzt oder Spezialisten, wenn dadurch das Leben eines Menschen gerettet werden kann.
    • Die private Krankenversicherung keine Ausnahme machen wird, da der Versicherte ja die Möglichkeit gehabt hat, diese Leistung in seinem Versicherungsschutz zu integrieren.

Kommen wir noch einmal auf mein Praxis-Beispiel zurück:

Die Interessentin war privat versichert. Die Rechnung für die privatärztlichen Behandlungen belief sich abschließend auf mehr als 60.000,- Euro, die sie und ihr Mann selbst tragen mussten.  Jetzt denken viele sicherlich: Die bösen Krankenversicherungen! Richtig?

Nein! Ich habe damals recherchiert und habe mir von der Interessentin alle Dokumente schicken lassen. Unter anderem auch das Beratungsprotokoll. Der damalige Vermittler hatte alles genau festgehalten. Er hatte der Kundin den Tarif mit Wahlleistungen angeboten und auch empfohlen. Der Beitrag für das Kind, da es sich bei der Interessentin mal ausnahmsweise nicht um eine Beamtin handelte, rund 150,- Euro.

Ihr Mann – Chefarzt des städtischen Krankenhauses – hatte dem Vermittler gegenüber angegeben, dass sie die wahlärztlichen Leistungen nicht bräuchten. Da er aus dem medizinischen Sektor käme, könnte er im Falle eines Falles immer etwas drehen, so seine Aussage. Deshalb verzichteten beide auf den wichtigen Baustein und schlossen für ihr Töchterlein den Billigtarif für 120,- Euro monatlich ohne Wahlleistungen ab.

Sie hatten natürlich zuerst versucht, die Wahlleistungen wieder mit einzuschließen. Da die Tochter aber bei der Diagnose bereits ein halbes Jahr alt war, waren alle Fristen, die sie noch hätten retten können abgelaufen. Ihr Vermittler konnte ihnen nicht helfen und deshalb suchten sie verzweifelt im Internet nach Hilfe. Sind dabei auf mich gestoßen. Aber, ich konnte ihnen auch nicht helfen. Ihr konnte keiner mehr helfen!

 

Unsere Empfehlung:

  • spart nicht am falschen Ende!
  • verzichtet niemals auf die wahlärztlichen Leistungen!
    • weder bei eurer privaten Krankenversicherung,
    • noch seitens der Beihilfe
    • selbst, wenn die Beihilfe – zum Beispiel in Hessen – dafür 18,90 Euro von eurem Gehalt abziehen möchte: nehmt das Angebot der Beihilfe für Wahlleistungen an!
    • Ihr müsst nur einmal im Leben eine ernste Diagnose bekommen und schon könnten sich 18,90 Euro monatlich für euch in eurem ganzen Leben gerechnet haben…
  • Wer hier am falschen Ende spart, kann ganz schnell in Existenznot kommen!
  • Übrigens, nur damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Es ist grundsätzlich egal, bei welcher Versicherung jemand versichert ist. Habe ich die Wahlleistungen aus dem Leistungskatalog herausgestrichen, kann es bei jeder privaten Krankenversicherungen teuer werden, sobald es sich um eine ernste Erkrankung handelt. Dann ist es egal, ob du bei der Debeka, der DBV, der Allianz, der Hanse-Merkur, Signal-Iduna, dem Deutschen Ring oder bei einer der vielen anderen privaten Krankenversicherungen bist. Nur für den Fall, dass nun jemand meint, bei seiner privaten Krankenversicherung sei das eventuell anders… Auch solche Menschen soll es ja bekanntlich geben.

 

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